| Kommentar |
Aristoteles’ Nikomachische Ethik zählt nicht nur zu den einflussreichsten Texten der antiken Moralphilosophie, sondern dient bis heute als wichtige theoretische Grundlage, um (moderne) Probleme einer gelingenden Lebensführung zu reflektieren. Im Zentrum dieses Werkes steht die Frage nach dem guten menschlichen Leben, eine Frage, die Aristoteles zugleich mit größter begrifflicher Strenge und mit einer bemerkenswerten Lebensweltorientierung behandelt. Durch die Bestimmung der Glückseligkeit (eudaimonia) als Tätigkeit gemäß der Tugend (aretē), die der spezifischen Funktion (ergon) des Menschen entspricht, eröffnet er eine Ethik, die weder bloße Regelkunde noch abstrakte Morallehre ist, sondern eine umfassende Theorie praktischen Handelns, in der Vernunft, Charakter, Gewohnheit und Weltbezug miteinander verwoben sind. Im Seminar soll diese vielschichtige Konzeption im Detail erarbeitet werden. Dabei wird es nicht nur um eine systematische Rekonstruktion zentraler Begriffe gehen, sondern ebenso um die Frage, wie Aristoteles diese Begriffe in einen praktischen Zusammenhang menschlicher Lebensführung einbettet. Ein Fokus wird zudem auf den Büchern VIII und IX liegen, in denen Aristoteles seine Theorie der Freundschaft entwickelt. Die dort unternommene Analyse der unterschiedlichen Formen von Freundschaft eröffnet eine wichtige Ergänzung zur allgemeinen Ethik, da Aristoteles hier zeigt, dass das gute Leben nicht primär als isolierte Vollkommenheit eines einzelnen Subjekts, sondern in wesentlichen Teilen als soziale Praxis verstanden werden muss. |
| Literatur |
Notwendige Textgrundlage: Aristoteles, Nikomachische Ethik, übers. v. Eugen Rolfes, Philosophische Bibliothek Bd. 5, Hamburg: Felix Meiner Verlag 1985. Sekundärliteratur (Auswahl): - Otfried Höffe, Die Nikomachische Ethik. Klassiker Auslegen Band 2, Berlin 1995.
- Ursula Wolf, Aristoteles’ „Nikomachische Ethik“. Werkinterpretationen der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, 3. Aufl., Darmstadt 2007.
- Christof Rapp, Aristoteles zur Einführung, Hamburg 2020.
Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Bd. 459, Stuttgart 2005. |
| Voraussetzungen |
Die Teilnahme am Seminar setzt die Bereitschaft zum vorbereitenden und kontinuierlichen Textstudium voraus. Es wird erwartet, daß sich die Studierenden (ab zweites Studiensemester) vor Veranstaltungsbeginn Kenntnisse über den Referenztext aneignen und diesen für jede Sitzung, dem Semesterplan entsprechend, sorgfältig studieren.
Zum Studium der Philosophie gehört ebenso die Einübung in die Artikulation philosophischer Argumentationen in Wort und Schrift, die in den Seminaren praktiziert wird. Die Teilnahme an der ersten Sitzung des Seminars ist obligatorisch. |